Dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer schmachten die zehnmaligen DDR-Meister in der vierten Liga. BFC Dynamo ist ein einzigartiger Verein, der sich mit den Gespenstern von Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt. Für den BFC Dynamo, zehnmaligen Oberligameister, dreimaligen DDR-Pokalsieger und Stolz von Erich Mielke, dem Chef der Geheimpolizei (der Stasi) ist das ein deutlicher Absturz. Und dennoch ist es ein Wunder, dass der Verein nach dem Verlust seiner offiziellen Unterstützung und dem Überleben mehrerer Absteiger und Insolvenzen überhaupt noch existiert.

Nach der Wiedervereinigung hatten alle ostdeutschen Spitzenvereine Probleme, sich an die marktwirtschaftliche Bundesliga anzupassen, doch der BFC Dynamo, der am meisten vom staatlich kontrollierten Fußball der DDR profitiert hatte, litt am meisten darunter, dass dieser Rückhalt verschwand. Als die Mauer fiel, stiegen Stars wie Andreas Thom und Thomas Doll nach oben und gingen nach Westen, während neue Sponsoren den verachteten „Stasi-Club“ mieden.

Vom „Stasi-Club“ zum „Nazi-Club“

Noch vor der Wende lag die Macht in der BFC-Fanszene bei Rechtsextremisten. Die Behörden wussten nicht wirklich, wie sie mit ihnen umgehen sollten, weil sie nicht verstehen konnten, wie eine rechtsextreme Subkultur in einem antifaschistischen sozialistischen Staat wie der DDR überhaupt existieren könnte. Heutzutage ist die verbleibende Unterstützerbasis des Clubs klein, engagiert und kontrovers. Was für manche jedoch als Provokation und Aufstand gegen die kommunistische Diktatur begonnen haben mag, wurde mit dem Fall der Mauer viel ernster. Der Nicht-Liga-BFC wurde zu einem Treffpunkt für Berlins rechten Neonazi, Hooligan und kriminellen Untergrund. 

An diese Fangemeinde wandte sich der Verein, als die finanzielle Situation im Jahr 2001 kritisch wurde. Es wurden Sammlungen organisiert, Spenden geleistet und Partys veranstaltet. Die Insolvenzkrise bleibt bis heute der wichtigste und bestimmende Moment für die älteren Fans, die den Verein gerettet haben. Europaweite Reisen zu Veranstaltungsorten wie Anfield, scheinen zu diesem Zeitpunkt jedoch der Vereinsgeschichte zu gehören. 

Vom Naziclub zum Gemeinschaftsclub?

Auf der Tribüne ist die Atmosphäre in der späten Septembersonne familiär und entspannt. Familien mit Kindern sind unter den Fans und es gibt keine Anzeichen von Gewalt. Trotzdem ist der Anteil gut gebauter Männer mittleren Alters mit rasierten Köpfen und männlichen Tätowierungen höher als in anderen Stadien, und obwohl sie sich in einem alternativen Bezirk einer der multikulturellsten Städte Europas befinden, fallen ethnische Minderheiten durch ihre Abwesenheit auf.

Im Gegensatz zu anderen Vereinen hat es BFC nie wirklich geschafft, sich neuen Generationen oder anderen Arten von Fans zu öffnen. In vielerlei Hinsicht ist der moderne BFC Dynamo ein semiprofessioneller Community-Club wie jeder andere. Der Verein stellt Jugendmannschaften in allen Altersgruppen auf und betreibt seit 2003 eine preisgekrönte Kindertagesstätte für über 200 einheimische Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. 

Wie aus dem Verein erklären: Es gibt immer Leute mit rechten Einstellungen, aber das ist leider ein Teil der Gesellschaft und damit ein Teil des Fußballs, ein Teil des BFC. Aber es ist nicht das bestimmende Merkmal des Vereins. „Wir können unsere Geschichte nicht ändern. So ist es, es gehört zum Verein, und wir müssen damit leben.“, sagt Rene Lau, ehemaliger Vizepräsident des Clubs. „Ja, wir waren der Stasi-Club, aber was kann ich dagegen tun? Es hat mich damals nicht gestört und es stört mich auch bestimmt nicht jetzt.“ Stasi-Club, Nazi-Club, Hooligan-Club, Gemeinschaftsclub. Der BFC Dynamo bleibt ein faszinierender Paria im deutschen Fußball und kämpft mit den Gespenstern von Vergangenheit und Gegenwart.